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10 Jahre nach Schweinsteigers Karriereende. Zehn Jahre nachdem er im WM-Finale gegen Argentinien (13. Juli 2014, Maracanã, Rio de Janeiro) mit blutendem Gesicht und Pflaster über der Augenbraue durch die Verlängerung ging. Sieben Stiche unter dem rechten Auge. Götzes Tor in der 113. Minute. 1:0 Deutschland.
Ich erinnere mich, wo ich in dem Moment war. Couch meiner damaligen Wohnung in Duisburg, mit zwei Schulfreunden, einer Stange Kölsch, alle drei in DFB-Trikot. Schweini-Trikot, Müller-Trikot, Klose-Trikot. Als Götze schoss, sind wir nicht aufgestanden — wir sind zusammengebrochen. Stunden später noch.
Das war meine WM-Erinnerung der eigenen Generation. Was war eure?
Die kollektiven WM-Erinnerungen einer deutschen Generation
Wer 1990 schon dabei war — Brehme-Elfmeter in der 85. Minute des Finales gegen Argentinien in Rom. 1:0. Beckenbauer als letzter Trainer, der gleichzeitig WM-Weltmeister wurde. Vor und nach dem Mauerfall, das erste vereinte Deutschland-Team. (Streng genommen war es nur West-Deutschland, die Wiedervereinigung war erst im Oktober — aber emotional war es schon das vereinigte Land.)
Wer 2002 Teenager war — Kahn vs Brasilien im Finale. Yokohama. 0:2 nach 67 Minuten Patzer und Ronaldo-Doppelpack. Ich war damals 14 und hab das ganze Spiel im Fernseher meines Vaters gesehen — Schule am nächsten Tag, Spätspiel-Erlaubnis nur weil es das Finale war. Kahns Tränen nach dem Spiel sind das Bild dieser WM, nicht Ronaldos Tore.
2006 — das Sommermärchen. Die Generations-WM. Klinsmann, Löw als Co, Lehmann's Zettel im Viertelfinal-Elfer-Schießen gegen Argentinien, Italien-Halbfinale 0:2 nach Verlängerung in Dortmund (das Grosso-Tor in der 119. minute — schmerz pur, aber irgendwie auch schön). Die deutsche Mannschaft, die sich selbst gefunden hat. Die Stimmung im Land — wie nie davor und auch nie wieder seitdem.
2010 in Südafrika — Müllers goldener Schuh, der 4:0-Demolition von Argentinien im Viertelfinale, das Spanien-Halbfinal-0:1 das wieder weh tat. Wer Klose damals spielen sehen hat (3. WM, 36 Jahre alt erst 2014), weiß was eine Karriere-Krönung bedeutet.
2014 Rio — Schweini-Kopf-Pflaster, Götze-Tor, 7:1 gegen Brasilien im Halbfinale (Belo Horizonte, das größte Trauma im brasilianischen Fußball seit 1950). Die deutsche Nationalmannschaft am Höhepunkt. Schweini, Lahm, Klose, Müller, Schürrle, Götze — die ganze Mannschaft hatte einen Moment.
2018 Moskau — Korea 0:2. Vorrunden-Aus. Die erste Wunde nach 1938.
2022 Katar — Spanien-2:1, Japan-Vorrunden-Aus. Die zweite Wunde. Manuel Neuer mit Regenbogen-Binde, Hansi Flick zwischen den Pressekonferenzen, das ganze unangenehme Katar-Drama.
EM 2024 Heim — Spanien-Viertelfinale-1:2 nach Verlängerung. Olmo-Tor in der 119. Minute. Tah's Handspiel-Diskussion. Die dritte Wunde, die frischeste, die uns alle einig macht.
Was kann uns die WM 2026 geben?
Realistisch — ohne Bullshit, ohne Hopium: ein Halbfinale wäre die maximal-realistische Höhepunkt-Erinnerung. Mit Glück ein Finale. Mit sehr viel Glück ein Titel.
Aber emotional? Ich denke das echte Geschenk dieses Turniers wäre: eine neue Generation findet ihre WM-Erinnerung. Meine 11-jährige Nichte ist jetzt im richtigen Alter — wenn DE bis ins Halbfinale kommt, wird sie das in 20 Jahren so erinnern, wie ich Götze 2014.
Sommermärchen-II ist nicht der Titel. Sommermärchen-II wäre, dass die Nation drei Wochen lang ein gemeinsames emotionales Erlebnis hat. Vor dem Fernseher, in den Bars, auf den Fanmeilen, beim Public Viewing.
Welche WM-Erinnerung habt ihr? Wer ist alt genug für 1990 oder 2002, wer hat 2014 als Generations-WM erlebt, wer ist Gen Z und kennt nur die Wunden 2018/2022?
(Schweini selbst hat übrigens letzte Woche bei einem Charity-Event in München gesagt: "Diese WM ist meine Chance, von 2014 zu lernen — als Mensch und als Fan. Ich werde sie zuhause schauen, mit meinen Kindern." Echte Sachlichkeit aus Bayern.)